Zur Kritik der Oberösterreichschen Nachrichten


DER STANDARD
Mittwoch, 1. März 2000, Seite 18

Die Wiederkehr des Schreckens

Exemplarisch: "Hart.Heim.Suchung"

STANDARD-Mitarbeiter Reinhard Kannonier

Hartheim - Sie kommen wieder, diejenigen, die überall die gleiche Ordnung, dasselbe Normalmaß durchsetzen wollen, und vermessen höchst penibel Kopf und Glieder.

Das Schloss Hartheim in Oberösterreich ist ein Ort mit grauenvoller Euthanasie-Vergangenheit: Eine alte Frau wird von Geistern gequält, die Assoziationen in diese Richtung mobilisieren. Zuweilen durchbrechen zärtliche, aufgewühlte Erinnerungssplitter den infiltrierten Zwang zur Ordnung und bringen neues Leben in ihr Gesicht.

Dann erscheint eine junge Frau - ist es eine andere oder vielleicht dieselbe in einer anderen Zeit? - und befreit die alte. Die folgenden Szenen widerspiegeln eine bunte, integrierte Welt, eine Welt der vermischten Wunsch- und Medienbilder. Heraus kommt eine echte Herzblatt-Show, eine Paraphrase ohne Masken und Gardemaße. Das lustvolle Zerbrechen der hölzernen Maßstäbe gleicht einem befreienden Ausbruch aus dem Gefängnis klischeehafter Zuordnungen von normal und nicht normal, von behindert und nicht behindert.

Das Institut Hartheim hat schon öfter mit engagierten Kulturprojekten auf sich aufmerksam gemacht, hat den Dirigenten Franz We!ser-Möst als "Artist in Residence" gewonnen und den prächtigen Bildband Abdias produziert.

Kaleidoskop

Mit Hart. Heim. Suchung folgte nun ein Theaterprojekt, das die erfolgreiche Integrations- und Offentlichkeitsarbeit eindrucksvoll fortsetzt. Die ironisch-lustlige, kritische und berührende Bilderfolge wurde in langen Gesprächen und vielen praktischen Experimenten von Walter Kohl, Rudolf Habringer (Text) und Thomas Hinterberger (Regie) mit professionellen Schauspielerinnen und einem guten Dutzend Bewohnern des Instituts erarbeitet.

Lebenswelten, Erfahrungen, Wünsche und Erinnerungen mischen sich zu einem
Kaleidoskop, das so manchem Profibetrieb die Schamröte ins Gesicht treiben sollte.
Dass es allen Beteiligten dazu noch Spaß gemacht hat, ist nicht nur hautnah zu
erleben sondern auch Teil Projekts.

 
 

OBERÖSTERREICHISCHE NACHRICHTEN
Montag, 28. Februar 2000, Seite 7

Es will durch den Verdrängungsschlamm

HARTHEIM: "Hart.Heim.Suchung” gelungenes Beispiel von Theaterarbeit mit (Nicht) Behinderten
Von Irene Judmayer

"Ordnung muss sein!” - presst die Frau zwischen den Zähnen hervor. Sie wischt und putzt und wischt und putzt. Imaginäre Flecken von imaginären Flächen: "Alles an seinem Platz... muss sein ... Quillt was heraus, was nicht heraus soll!"

Traumfetzen etwa. Aus der Vergangenheit als NaziHelferin im Euthanasieschloss. Albtraumfetzen, in denen sich all die "Lebensunwerten", die ins Gas Geschickten, zum rasenden Furioso verdichten.
Theater mit behinderten Menschen und Theaterstücke über NaziGreuel. Was gibt es Schwierigeres für einen Rezensenten. Weil von den Produzenten oft Ursache und Wirkung verwechselt werden. Weil da allzuoft gedacht wird, der Zweck heilige alle Mittel, auch die der Inkompetenz.

"Was will man da schreiben? -so denn auch die Frage anlässlich der Premiere des Stückes "Hart.Heim.Suchung”, das derzeit im Behinderten-Institut Hartheim bei Alkoven aufgeführt wird. "Ohnehin nur gut?"
Richtig es kann nur gut geschrieben werden. Allerdings nicht, weil es um eines der finstersten Kapitel österreichischer Geschichte geht. Und nicht, weil dreizehn Schauspieler des Stückes behinderte Menschen sind.
Hier ist vielmehr in einer höchst dichten Konsistenz etwas gelungen, das sich im schlichten Wort "Erlebnis" bündelt.

In eineinhalb Jahren hat der Linzer Regisseur Thomas Hinterberger nach Texten von Walter Kohl und Rudolf Habringer mit sechzehn Akteuren verschiedene Traumsequenzen erarbeitet, die durch den Verdrängungsmorast der Frau nach oben steigen. Unverfälschte Begegnungen mit behinderten Menschen. Mit ihren Sehnsüchten, mit ihrer Realität, ihrer Lust, ihrem Unbehagen, ihrem Zorn.
Authentische Beiträge, deren Betrachtung Ambivalenz hervorruft. Aber das ist wohl so, wenn sich psychisches Anderssein vorwiegend in Instituten, in Heimen abspielt und nicht eingebunden in das alltägliche Umfeld. So bleibt einem das Lachen ob der Purheit der hier vermittelten Emotionen nur allzuoft ganz tief und ganz hinten verschämt im Hals stecken.

Wenn je ein Beitrag zur adäquaten, sensiblen Aufarbeitung von Geschichte über und mit Behinderten gemacht werden kann, hier ist ein wesentlicher davon.

Darum sämtliche Hüte ab vor, dieser so außergewöhnlichen künstlerischen Leistung. Hochachtung an Anita Koplinger, Sandra Hofstätter, Sophie Liebner, an die "Hart.Heimer" Ludwig Bachner, Sonja Balint, Kurt Baumgartner, Elfriede BergerSöllinger, Elisabeth Brandstetter, Karin Gressenbauer, Kurt Lorenz, Franz Mair, Kurt Mayr, Thomas Schlossgangl Susanne, Schmidt, Helmut Stingeder, Christine Wiesinger samt der Musik von Heller/Qualtinger.